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Wenn deine innere Not dich losbrüllen lässt – und es dir danach leidtut

8. Okt.
6 Min. Lesezeit

Lydia und Markus wollen gemeinsam in den Urlaub fahren. Eigentlich sollte es ein schöner Morgen werden. Die Koffer stehen bereit, das Auto wartet vor der Tür und Markus ist längst fertig. Lydia dagegen läuft noch einmal durchs Schlafzimmer, sucht etwas im Bad und überprüft, ob sie wirklich alles dabeihat.


Markus wartet. Erst still, dann zunehmend unruhig. Irgendwann verändert sich etwas in ihm. Sein Blick wird hart.



Lydia bemerkt es sofort. Noch bevor Markus überhaupt etwas sagt, zuckt etwas in ihr zusammen. Dann kommt der erste Satz: „Kannst du nicht einmal ein bisschen schneller packen? Das dauert ja ewig bei dir.“


Lydia versucht, die Situation zu beruhigen. „Ich bin doch gleich fertig.“


Doch Markus wird nicht ruhiger. Im Gegenteil. „Bin ich eigentlich bescheuert? Wir haben doch gesagt, dass wir früher losfahren! Nachher stehen wir wieder im Stau. So mache ich das nicht mehr mit!“


Lydia ist verletzt. Sie versteht nicht, warum aus ein paar Minuten Verspätung plötzlich ein solcher Streit entsteht, und sagt schließlich: „Dann fahr doch alleine.“


Jetzt kippt die Situation vollständig.


„Dann kannst du auch gleich zu Hause bleiben! Dann fahre ich eben alleine und frage Mina, ob sie mitkommt. Ich bin doch nicht dein Trottel!“


Wenige Minuten zuvor wollten zwei Menschen gemeinsam in den Urlaub fahren. Jetzt stehen sie sich gegenüber wie Gegner.


Was ist hier gerade passiert?


Von außen betrachtet scheint der Auslöser banal zu sein. Lydia braucht länger beim Packen, Markus möchte endlich losfahren. Doch für unser Nervensystem zählt nicht nur das, was objektiv im Außen geschieht. Entscheidend ist auch, welche Bedeutung eine Situation innerlich bekommt.


Vielleicht fühlt Markus sich in diesem Moment nicht gesehen. Vielleicht entstehen in ihm Gedanken wie: Meine Bedürfnisse sind ihr egal. Sie nimmt mich nicht ernst. Ich verliere die Kontrolle.


Doch genau das sagt Markus nicht.


Vielleicht kann er es in diesem Moment selbst noch gar nicht richtig wahrnehmen, weil sein Nervensystem bereits so stark aktiviert ist, dass er nicht mehr ruhig beobachtet, was gerade in ihm geschieht, sondern nur noch reagiert.


Ehrliches Mitteilen könnte in derselben Situation vollkommen anders klingen: „Ich spüre starke Anspannung in meinem Körper. In meinem Kopf ist der Gedanke, dass wir im Stau stehen, wenn wir später losfahren. Ich fühle Wut.“


Das klingt zunächst unspektakulär. Aber genau darin liegt der entscheidende Unterschied. Markus sagt nicht: Du bist rücksichtslos. Du bist schuld. Wegen dir stehen wir nachher im Stau. Er beschreibt, was gerade in ihm geschieht.


Dafür braucht es allerdings die Fähigkeit, die eigene innere Aktivierung überhaupt wahrzunehmen. Wenn diese Fähigkeit in einem Konflikt noch nicht verfügbar ist, kann aus innerer Not sehr schnell Angriff werden.



Als Lydia schließlich sagt, er solle eben alleine fahren, fühlt Markus sich möglicherweise noch stärker zurückgewiesen. Sein System fährt weiter hoch. Er geht auf sie zu, greift sie an ihrer Latzhose und zieht sie zu sich.


„Komm her. Jetzt ist wieder gut.“


Für Markus ist der Sturm wenige Augenblicke später vielleicht tatsächlich schon wieder vorbei.


Für Lydia nicht.


Wenn das Nervensystem Gefahr wahrnimmt


Unser autonomes Nervensystem verarbeitet fortwährend Informationen darüber, ob wir uns sicher fühlen oder ob etwas als Gefahr wahrgenommen wird. Ein großer Teil dieser Einschätzung geschieht automatisch und noch bevor unser bewusster Verstand die Situation vollständig eingeordnet hat.


Fühlen wir uns sicher, können wir zuhören, sprechen, Nähe zulassen und in Verbindung bleiben. Wird dagegen Gefahr wahrgenommen, kann unser Körper Energie für Kampf oder Flucht mobilisieren.


Dabei ist wichtig zu verstehen: Gefahr bedeutet für unser Nervensystem nicht zwangsläufig, dass unser Leben unmittelbar bedroht ist.


Auch Erfahrungen wie Ich werde nicht ernst genommen. Ich werde übergangen. Meine Bedürfnisse zählen nicht. Ich verliere die Kontrolle. können starke Schutzreaktionen auslösen.


Besonders dann, wenn ähnliche Erfahrungen bereits früher emotional aufgeladen waren, kann eine vergleichsweise kleine Situation im Hier und Jetzt etwas sehr Großes im Inneren berühren.


Bei Markus könnte genau das geschehen sein. Sein Körper mobilisiert Energie. Die Muskeln spannen sich an, sein Blick verändert sich, seine Stimme wird lauter und sein Denken verengt sich immer stärker auf das vermeintliche Problem.


Er geht in Fight.


Nicht unbedingt, weil sein bewusster Verstand entschieden hat: Jetzt möchte ich Lydia verletzen.


Sondern weil sein System bereits im Kampfmodus angekommen ist und der Verstand der Reaktion hinterherläuft.


Deshalb kennen manche Menschen den Moment kurz danach: „Warum bin ich so ausgerastet?“ Oder: „Was habe ich da gerade gesagt?“


Das erklärt einen Angriff, aber es entschuldigt ihn nicht. Zu verstehen, woher eine Schutzreaktion kommt, bedeutet nicht, die Verantwortung für das eigene Verhalten abzugeben. Im Gegenteil: Genau dieses Verständnis kann der Anfang davon sein, Verantwortung früher zu übernehmen – nämlich bevor die eigene innere Not am anderen Menschen ausagiert wird.


Zwei Nervensysteme – zwei völlig unterschiedliche Zustände


Während Markus sich nach seinem Ausbruch bereits wieder beruhigt, passiert in Lydia etwas völlig anderes.


Sie hat seinen harten Blick gesehen. Sie wurde angeschrien. Schließlich wurde sie auch körperlich gepackt.


Auch ihr Nervensystem registriert Gefahr.


Mögliche Schutzreaktionen wären Kampf oder Flucht. Doch wenn beides als nicht sicher, nicht möglich oder aussichtslos erlebt wird, kann eine andere Schutzreaktion entstehen: Freeze.


Lydia wird still. Ihr Körper fühlt sich schwer an. Vielleicht weiß sie sogar genau, was sie Markus sagen möchte, doch sie bekommt die Worte nicht heraus. Ihre innere Not zeigt sich nicht durch Angriff, sondern durch Erstarren, Schweigen und Rückzug.


Das ist ein wichtiger Punkt. Schweigen bedeutet nicht automatisch Ablehnung. Rückzug bedeutet nicht automatisch Bestrafung. Manchmal ist ein Mensch schlicht noch nicht wieder in einem Zustand, in dem Verbindung möglich ist.



Wenig später sitzen beide im Auto. Die Koffer sind verstaut, die Reise beginnt und Markus versucht, die Harmonie wiederherzustellen.


„Lass uns doch wieder lieb zueinander sein. Jetzt machen wir uns einen schönen Urlaub.“


Vielleicht meint er das vollkommen aufrichtig. Vielleicht möchte er wirklich Frieden und versteht selbst nicht, warum Lydia nicht einfach wieder normal mit ihm sprechen kann.


Doch Lydia schweigt nicht, um ihn zu bestrafen.


Für Markus ist die Situation vielleicht bereits vorbei. Für Lydias Nervensystem noch nicht.


Genau hier entstehen in Beziehungen häufig weitere Missverständnisse. Der eine denkt: Ich habe mich doch wieder beruhigt. Warum hängt sie jetzt immer noch darin fest? Der andere erlebt dagegen: Ich kann noch gar nicht wieder normal sein. Mein Körper ist noch angespannt.


Beide sitzen im selben Auto und erleben dennoch zwei vollkommen unterschiedliche innere Realitäten.


Das ist innere Not


Innere Not sieht nicht immer aus wie Angst.


Sie kann aussehen wie Wut, Kontrolle, Vorwürfe oder Angriff. Und wenn Kampf oder Flucht nicht möglich erscheinen, kann sie sich als Erstarren, Schweigen und Rückzug zeigen.


Der eine Mensch denkt wenige Minuten nach einem Streit: „Es ist doch wieder gut.“


Während der Körper des anderen noch sagt: „Es ist noch nicht sicher.“


Das bedeutet nicht, dass alle Verhaltensweisen gleich sind oder dass verletzendes Verhalten relativiert werden soll. Ein Angriff bleibt ein Angriff. Aber hinter sichtbarem Verhalten liegt häufig etwas, das wir von außen zunächst nicht erkennen.


Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur: „Warum hast du das gemacht?“


Sondern auch:


„Was hat dein Nervensystem in diesem Moment als Gefahr wahrgenommen?“


Diese Frage kann einen völlig anderen Zugang eröffnen. Sie führt weg von der ausschließlichen Schuldzuweisung und hin zur Selbstwahrnehmung.


Wie könnte es anders gehen?


Veränderung beginnt nicht damit, keine Wut mehr zu empfinden. Wut ist zunächst ein Gefühl und darf da sein. Veränderung beginnt auch nicht damit, unangenehme Gedanken zu verdrängen.


Sie beginnt dort, wo wir bemerken:


Was passiert gerade in mir?


Vielleicht könnte Markus eines Tages in einer ähnlichen Situation sagen: „Ich spüre Anspannung in meinem Körper. In meinem Kopf ist der Gedanke, dass wir zu spät loskommen. In meinem Kopf ist der Gedanke, dass meine Bedürfnisse dir egal sind. Ich fühle Wut.“


Damit behauptet er nicht, dass Lydia seine Bedürfnisse tatsächlich ignoriert. Er beschreibt zunächst seine eigene Wahrnehmung.


Das ist ein entscheidender Unterschied.


Aus Du bist schuld wird:


Was passiert gerade in mir?


Und genau dort entsteht Raum zwischen Reiz und Reaktion. Ein Raum, in dem wir nicht sofort schreien, beleidigen oder angreifen müssen. Ein Raum, in dem wir zunächst wahrnehmen können, was unser Körper fühlt, welche Gedanken gerade auftauchen und welche alten Schutzstrategien aktiviert werden.


Und in diesem Raum wird Ehrliches Mitteilen möglich.


Nicht: „Du machst mich wahnsinnig.“


Sondern: „Ich spüre gerade wahnsinnig viel Anspannung in mir.“


Nicht: „Dir sind meine Bedürfnisse völlig egal.“


Sondern: „In meinem Kopf ist gerade der Gedanke, dass meine Bedürfnisse dir egal sind.“


Damit verändert sich etwas Grundlegendes: Ich mache den anderen nicht mehr automatisch für meinen inneren Zustand verantwortlich. Ich beginne, meinen eigenen Zustand wahrzunehmen und Verantwortung dafür zu übernehmen, was ich damit tue.


Wenn du dich in solchen Situationen wiedererkennst und dir wünschst, in Zukunft anders zu reagieren, geht es deshalb nicht darum, deine Schutzstrategien einfach wegzumachen. Sie sind irgendwann aus einem guten Grund entstanden.


Es geht darum, sie zu verstehen.


In meinem Mentoring unterstütze ich dich dabei, herauszufinden, was hinter deinen Schutzreaktionen liegt, welche Situationen dein Nervensystem als Gefahr wahrnimmt und wie du deine innere Not früher erkennen kannst.


Damit du sie beim nächsten Mal nicht am anderen Menschen ausagieren musst, sondern dich selbst reflektieren und ehrlich mitteilen kannst.


MannSein 2.0 ❤️

Spür mehr. Lieb tiefer.

 
 
 

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