Innere Not im Bett
Aktualisiert: 18. Okt.
Wie Fight, Flight, Freeze und Fawn unsere Sexualität beeinflussen können

Vielleicht leben wir im Bett nicht immer die Sexualität aus, die wir wirklich wollen, sondern, die unsere Schutzstrategien zulassen. Und möglicherweise verwechseln wir diese Schutzstrategien irgendwann sogar mit unserer sexuellen Persönlichkeit.
Dann entstehen Sätze wie: „Ich bin eben nicht so sexuell“, „Ich brauche nicht so viel Nähe“, „Ich bin einfach sehr leistungsorientiert“, „Mir ist es wichtiger, meinen Partner zu befriedigen“ oder „Ich kann beim Sex einfach nicht loslassen“. Irgendwann wird daraus ein festes Bild darüber, wie wir angeblich sexuell sind.
Doch manches davon beschreibt womöglich weniger unsere eigentliche Sexualität als vielmehr die Art, wie unser Nervensystem gelernt hat, mit Nähe, Intimität, Scham, Leistungsdruck, Angst oder früheren belastenden Erfahrungen umzugehen.
Sexualität findet schließlich nicht außerhalb unseres Nervensystems statt. Wir erleben unseren eigenen Körper, unser Gegenüber, Berührung, Begehren, Nähe und Grenzen immer durch dieses Nervensystem. Dort, wo eigentlich Lust, Neugier und Verbindung entstehen könnten, können deshalb auch Schutzreaktionen auftauchen.
Fight. Flight. Freeze. Fawn.
Sie bleiben nicht vor der Schlafzimmertür stehen. Sie können mit uns ins Bett kommen.
Wenn der Körper beim Sex plötzlich still wird
„Ich weiß einfach nicht mehr, was ich machen soll.“
Diesen Satz habe ich von Männern schon häufiger gehört, wenn sie mir von ihrer Sexualität in langjährigen Beziehungen erzählen.
Ein Mann beschreibt seine Situation vielleicht ungefähr so:
„Meistens läuft unser Sex immer gleich ab. Sie lässt ihr T-Shirt an, das Licht bleibt aus, dann legt sie sich hin und ich soll machen. Sie selbst macht eigentlich kaum etwas. Oralsex möchte sie bei mir auch nicht machen, sie berührt mich kaum von sich aus und manchmal habe ich sogar das Gefühl, sie lässt den Sex einfach nur über sich ergehen.
Mir fehlt diese Lebendigkeit und das Gefühl, dass sie wirklich Lust auf mich hat. Vor allem fehlt mir das Gefühl, von ihr begehrt zu werden. Manchmal denke ich sogar, sie schläft nur noch mit mir, damit ich nicht ständig danach frage. Ich habe schon alles Mögliche versucht: andere Berührungen, verschiedene Stellungen, Spielzeug, kein Spielzeug. Ich bemühe mich wirklich, aber irgendwie verändert sich nichts.“
Irgendwann entstehen verständlicherweise Gedanken wie: „Sie hat einfach keine Lust auf mich“, „Sie mag keinen Sex“, „Sie findet mich nicht attraktiv“, „Sie begehrt mich nicht“ oder „Ich mache etwas falsch“.
Genau hier geschieht etwas Entscheidendes: Wir beginnen, das Verhalten des anderen aus unserer eigenen Perspektive zu interpretieren. Der eine erlebt: „Du willst mich nicht.“ Im anderen kann jedoch etwas vollkommen anderes stattfinden.
Was von außen wie Desinteresse aussieht, kann beispielsweise eine Schutzreaktion sein. Der Körper befindet sich dann nicht in Lust, Verbindung und Neugier, sondern versucht, mit innerer Anspannung umzugehen.
Eine mögliche Reaktion darauf ist Freeze.
Freeze – wenn der Körper still wird

Freeze ist keine bewusste Entscheidung. Ein Mensch denkt in diesem Moment nicht: „Ich mache jetzt einfach nicht mit.“ Vielmehr kann der Körper in eine automatische Schutzreaktion geraten. Der Mensch wird still oder passiv, verliert womöglich den Kontakt zu seinem eigenen Wollen oder fühlt sich innerlich wie „weg“.
Von außen kann das wie mangelnde Beteiligung oder Desinteresse wirken. Innen können gleichzeitig Überforderung, Angst, Erstarrung oder ein Gefühl von Ausgeliefertsein stattfinden.
Gerade innerhalb von Sexualität können dabei frühere belastende Erfahrungen oder sexuelle Grenzverletzungen eine Rolle spielen. Eine bestimmte Berührung, eine Körperposition, ein Geruch, ein Geräusch, das Festgehaltenwerden oder einfach das Empfinden, keine Kontrolle über die Situation zu haben, kann unbewusst etwas im Körper aktivieren.
Dabei muss keine klare Erinnerung auftauchen. Die betroffene Person muss nicht bewusst denken: „Das erinnert mich an damals.“ Der Körper kann bereits reagiert haben, bevor der bewusste Verstand überhaupt verstanden hat, was gerade geschieht.
Im Rahmen der Polyvagal-Theorie wird in diesem Zusammenhang der Begriff Neurozeption verwendet. Gemeint ist damit, dass unser Nervensystem fortlaufend Hinweise auf Sicherheit und Gefahr registriert, teilweise außerhalb unserer bewussten Wahrnehmung. Autonome Schutzreaktionen können dadurch einsetzen, bevor wir eine Situation bewusst eingeordnet haben.
Der Körper signalisiert möglicherweise: Achtung. Gefahr. Stillhalten.
In einem solchen Zustand hilft ein „Jetzt beweg dich doch mal“, „Mach doch auch mal mit“, „Küss mich doch mal“ oder „Mach doch endlich etwas“ nicht weiter. Die Person befindet sich nicht einfach in einer Stimmung, die sie auf Knopfdruck verändern könnte. Zusätzlicher Druck kann das Gefühl von Gefahr sogar noch verstärken.
In diesem Moment braucht der Körper häufig nicht mehr sexuelle Stimulation, sondern zunächst weniger Druck und mehr Handlungsspielraum. Die sexuelle Handlung zu stoppen, Abstand zu ermöglichen, Orientierung zu geben und wieder Wahlfreiheit herzustellen, kann wichtiger sein als jede weitere Technik.
Ein Satz wie „Wir müssen überhaupt nichts machen“ kann deshalb etwas vollkommen anderes im Nervensystem auslösen als ein „Jetzt mach doch endlich mit“. Auch Fragen wie „Möchtest du, dass ich aufhöre?“, „Ist diese Berührung gerade okay?“ oder „Was brauchst du?“ können dabei helfen, wieder Sicherheit und Selbstbestimmung herzustellen.
Dabei geht es nicht darum, den anderen möglichst schnell wieder sexuell „funktionsfähig“ zu machen. Es geht darum, ihm Raum zu geben, wieder bei sich anzukommen.
Wenn der Druck nachlässt und der Körper erneut ausreichend Sicherheit wahrnimmt, kann sich die Erstarrung allmählich lösen. Manche Menschen benötigen anschließend etwas Zeit, um sich wieder vollständig mit ihrem Körper und der Situation verbunden zu fühlen.
Deshalb sollte Freeze nicht vorschnell als Faulheit, sexuelle Unlust oder mangelndes Bemühen interpretiert werden. Die Person entscheidet sich nicht bewusst für diese Reaktion. Ihr Körper versucht möglicherweise gerade, sie zu schützen.
Gleichzeitig ist Passivität beim Sex natürlich nicht automatisch Freeze. Scham, Unsicherheit mit dem eigenen Körper, Schmerzen, fehlende Lust, hormonelle Veränderungen, Beziehungskonflikte und zahlreiche andere körperliche oder psychische Faktoren können ebenfalls eine Rolle spielen.
Genau deshalb reicht es manchmal nicht, immer noch mehr zu versuchen: eine weitere Technik, ein neues Spielzeug, eine andere Stellung oder noch größere Anstrengung, den anderen zum Orgasmus zu bringen. Entscheidend kann zunächst etwas viel Grundsätzlicheres sein: wahrnehmen, zuhören, Sicherheit herstellen und ehrlich miteinander über das sprechen, was innerlich gerade geschieht.
Fragen wie „Welche Gedanken hast du gerade?“, „Welche Gefühle nimmst du wahr?“ oder „Was spürst du in deinem Körper?“ verändern den Fokus. Es geht nicht mehr ausschließlich darum, was die beiden Körper sexuell tun, sondern darum, was die beiden Menschen dabei erleben.
Freeze ist allerdings nur eine mögliche Schutzreaktion. Auch Fight, Flight und Fawn können unsere Sexualität prägen.
Fight – wenn Sexualität zum Leistungsnachweis wird

Fight muss im Bett keineswegs bedeuten, aggressiv oder gewalttätig zu sein. Diese Schutzreaktion kann sich wesentlich subtiler in Kontrolle, Leistungsdruck, Konkurrenz, Dominanz oder Perfektionismus zeigen.
Bei einem Mann können Gedanken entstehen wie: „Ich muss lange genug können“, „Meine Erektion muss halten“, „Ich darf nicht zu früh kommen“, „Ich muss ihr mehrere Orgasmen machen“ oder „Sie muss begeistert von mir und meinem Penis sein“.
Sexualität wird dadurch unbemerkt zu einer Prüfung. Penetration muss möglichst lange dauern, die eigene Ausdauer wird zum Beweis von Männlichkeit und der Orgasmus der Frau zum Leistungsnachweis. Vielleicht ist nach dem Sex besonders wichtig zu hören, wie gut man gewesen ist. Vielleicht lautet eine der ersten Fragen sogar: „Wie war ich?“
Natürlich ist es etwas Schönes, seinem Gegenüber Lust bereiten zu wollen. Entscheidend ist jedoch die innere Motivation. Möchte ich dir Lust schenken, weil ich mit dir verbunden bin und Freude an deiner Lust empfinde? Oder brauche ich deinen Orgasmus, damit ich mich selbst als guten Liebhaber erleben kann?
Im zweiten Fall wird das Gegenüber unbewusst zum Prüfstein der eigenen sexuellen Leistungsfähigkeit.
Pornografisch geprägte Vorstellungen können diesen Druck zusätzlich verstärken. Pornografie zeigt häufig eine stark inszenierte Form von Sexualität: große Penisse, lange Erektionen, scheinbar grenzenlose Ausdauer, lange Penetration, spektakuläre Stellungen und Frauen, die scheinbar permanent erregt sind und mehrere Orgasmen erleben.
Pornografie ist Unterhaltung und kein realistischer Maßstab für menschliche Sexualität. Wiederholen sich solche Bilder jedoch über Jahre, können daraus Vorstellungen darüber entstehen, wie ein „richtiger Mann“ beim Sex angeblich funktionieren sollte. Der eigene Penis erscheint plötzlich zu klein, die Erektion nicht stabil genug, die Ejakulation zu früh oder die eigene Ausdauer unzureichend. Mit diesen Vergleichen kann auch die Angst wachsen, eine Frau möglicherweise nicht genügend befriedigen zu können und deshalb weniger begehrenswert oder sogar austauschbar zu sein.
Der Fokus verschiebt sich dadurch immer stärker von der Begegnung zur eigenen Performance. Während des Sex beobachtet sich der Mann womöglich permanent selbst: Ist meine Erektion noch da? Wie lange halte ich schon durch? Kommt sie? Wie oft ist sie gekommen? Bin ich besser als ihre früheren Partner?
Aus einer Begegnung zwischen zwei Menschen wird eine Leistungssituation.
Fight kann sich darüber hinaus als Druck oder Anspruchsdenken zeigen. Gedanken wie „Ich möchte das jetzt“ oder „Stell dich nicht so an“ können dazu führen, dass die Bedürfnisse und Grenzen des Gegenübers zunehmend aus dem Blick geraten. Im Pay-Sex kann daraus beispielsweise die Vorstellung entstehen: „Ich bezahle dafür, also darf ich bekommen, was ich möchte.“
Hier braucht es eine klare Grenze: Geld bezahlt eine vereinbarte Dienstleistung, niemals das Recht über den Körper eines anderen Menschen. Ein Nein bleibt ein Nein. Grenzüberschreitungen werden auch nicht dadurch legitimiert, dass jemand unter innerem Druck steht.
Auch Frauen können Sexualität im Fight-Modus erleben. Der Orgasmus oder die Erektion des Mannes kann dann beispielsweise zum Beweis der eigenen Attraktivität werden. Bleibt seine körperliche Reaktion aus, entsteht möglicherweise Kränkung oder Druck: „Findest du mich nicht attraktiv?“, „Warum kommst du nicht?“ oder „Was stimmt denn mit dir nicht?“
Auch hier wird Sexualität unmerklich zur Bewertung. Statt gemeinsam wahrzunehmen, was gerade geschieht, muss der andere plötzlich etwas beweisen.
Flight – wenn Nähe vermieden werden muss

Flight bedeutet, Distanz zu etwas herzustellen, das sich zu nah, zu viel oder zu belastend anfühlt. Das kann lange vor dem eigentlichen Sex beginnen.
Plötzlich gibt es immer etwas anderes zu tun: Arbeit, Handy, Fernsehen, Kinder, Haushalt oder noch eine Aufgabe, die unbedingt erledigt werden muss. Jemand geht zunehmend später ins Bett, vermeidet längere Küsse, weil daraus Sex entstehen könnte, oder blockt Berührungen bereits ab, bevor sie intim werden können.
Sätze wie „Ich bin müde“, „Nicht schon wieder“, „Lass mich damit in Ruhe“, „Fass mich nicht an“ oder „Muss es denn immer nur um Sex gehen?“ können Ausdruck davon sein.
Natürlich braucht nicht jede sexuelle Unlust eine psychologische Erklärung. Manchmal möchte ein Mensch schlicht keinen Sex. Das ist vollkommen legitim. Interessant wird es dort, wo sexuelle Nähe immer wieder mit Anspannung verbunden ist und das Nervensystem gelernt hat, dieser Anspannung möglichst früh auszuweichen.
Bei Männern kann sich das beispielsweise darin zeigen, Situationen zu vermeiden, in denen die Partnerin Sex initiieren könnte, oder körperliche Nähe zunehmend aus dem Alltag verschwinden zu lassen. Findet Sexualität dennoch statt, kann der innere Impuls darin bestehen, die Situation möglichst schnell hinter sich zu bringen.
Stress und Versagensangst können dabei auch körperliche sexuelle Reaktionen beeinflussen. Eine frühe Ejakulation oder Erektionsprobleme können mit hoher innerer Anspannung zusammenhängen, sind jedoch keineswegs automatisch Ausdruck von Flight. Sexuelle Funktionsveränderungen können zahlreiche körperliche und psychische Ursachen haben.
Bei Frauen kann Flight ähnlich sichtbar werden: Berührungen werden vermieden, Küsse frühzeitig beendet oder Situationen gemieden, aus denen sexuelle Nähe entstehen könnte. Allein die Annäherung des Partners kann irgendwann bereits Druck auslösen.
Der innere Impuls lautet dann nicht unbedingt bewusst „Ich bin im Flight-Modus“, sondern sehr viel einfacher:
Ich möchte hier weg. Ich möchte nur, dass dieser Druck aufhört.
Fawn – wenn die Zufriedenheit des anderen wichtiger wird als die eigene

Fawn ist besonders schwer zu erkennen, weil diese Schutzstrategie von außen sogar wie außergewöhnliche Hingabe aussehen kann.
Ein Mensch macht Dinge, die ihm eigentlich nicht gefallen, sagt nicht Nein, obwohl er innerlich ein Nein empfindet, und richtet seine Aufmerksamkeit fast vollständig darauf, was das Gegenüber möchte. Nicht unbedingt aus Lust, sondern möglicherweise aus einer tief verankerten Überzeugung: Wenn du zufrieden bist, bleibt unsere Verbindung sicher.
Damit bekommt auch das Beispiel vom Anfang eine weitere mögliche Bedeutung. Die Frau lässt den Sex vielleicht nicht nur passiv geschehen, sondern hat womöglich gelernt, dass es einfacher ist, mitzumachen, als immer wieder erklären oder ablehnen zu müssen. Sexualität wird dann zu etwas, das man zulässt, damit zwischen beiden wieder Ruhe herrscht.
Bei einer Frau kann Fawn bedeuten, Praktiken mitzumachen, die sie eigentlich nicht möchte, und trotzdem zu sagen: „Ist schon okay.“ Sie kann laut stöhnen, obwohl sie wenig Lust empfindet oder sogar Schmerzen hat. Das Stöhnen dient dann möglicherweise weniger dem Ausdruck eigener Erregung als der Regulation des Gegenübers: Wenn er glaubt, dass es ihr gefällt, ist er zufrieden.
In manchen Situationen kann dahinter sogar die Hoffnung stehen, den Mann dadurch schneller zum Orgasmus zu bringen und die Situation früher beenden zu können. Auch ein vorgetäuschter Orgasmus kann in diesem Zusammenhang weniger Manipulation als Anpassung sein – etwa aus Angst vor Enttäuschung, Diskussionen oder der wiederkehrenden Frage, warum sie nicht gekommen sei.
Auch Männer können fawnen. Ein Mann kann seine eigenen Bedürfnisse fast vollständig ausblenden und seine gesamte sexuelle Aufmerksamkeit darauf richten, die Frau zufriedenzustellen. Er verwöhnt sie lange und intensiv, während seine eigenen Wünsche kaum Raum bekommen. Möglicherweise fällt es ihm sogar schwer, zuzulassen, dass sich die Aufmerksamkeit einmal nur auf ihn richtet.
Sein Wunsch, die Frau unbedingt zum Orgasmus zu bringen, kann dann neben echter Freude an ihrer Lust noch eine zweite Ebene enthalten: Wenn ich dich besonders gut befriedige, findest du mich begehrenswert. Dann magst du mich, bleibst bei mir und hältst mich für einen guten Mann.
Der eigene Orgasmus kann dabei fast nebensächlich werden, weil die entscheidende Botschaft lautet: Du sollst zufrieden sein.
Die Zufriedenheit des Gegenübers wird damit unbewusst zu einem Signal für Beziehungssicherheit.
Genau deshalb ist der Unterschied zwischen Hingabe und Fawn so wichtig. Hingabe entsteht aus einem inneren Wollen: Ich möchte mich dir geben. Fawn entsteht dagegen aus einem inneren Müssen: Ich glaube, mich dir geben zu müssen, damit zwischen uns alles gut bleibt.
Wenn Schutzstrategien wie sexuelle Persönlichkeit aussehen
Besonders interessant wird es, wenn Menschen über Jahre auf ähnliche Weise Sexualität erleben und schließlich davon ausgehen, genau so seien sie eben.
Der Mann, der sich nahezu ausschließlich darauf konzentriert, die Frau zu befriedigen, kann tatsächlich große Freude daran haben. Es lohnt sich trotzdem zu beobachten, ob daneben auch die Angst existiert, ohne diese Leistung nicht interessant oder begehrenswert genug zu sein.
Eine Frau, die sich selbst als wenig sexuell beschreibt, kann tatsächlich ein geringes sexuelles Bedürfnis haben. Gleichzeitig kann es vorkommen, dass ihr Körper sexuelle Nähe irgendwann so eng mit Scham, Druck oder Kontrollverlust verbunden hat, dass Rückzug zur vertrauten Strategie geworden ist.
Auch Hingabe kann authentischer Ausdruck der eigenen Sexualität sein. Problematisch wird sie erst dort, wo die eigenen Grenzen kaum noch wahrgenommen werden und Harmonie nur dadurch möglich erscheint, dass die Bedürfnisse des anderen Vorrang erhalten.
Ähnlich ist es mit sexueller Vermeidung. Ein Mensch kann Sex schlicht nicht besonders wichtig finden. Wenn Nähe jedoch regelmäßig Druck auslöst und Vermeidung vor allem dazu dient, diesem inneren Zustand zu entkommen, lohnt sich ein genauerer Blick.
Es geht deshalb nicht darum, jede sexuelle Eigenart zu analysieren oder hinter jeder Schwierigkeit ein Trauma zu vermuten. Geringe Lust kann einfach geringe Lust sein, Hingabe kann Hingabe bleiben, starke Sexualität muss kein Fight sein und Passivität beweist kein Freeze.
Die entscheidende Frage ist vielmehr, ob ich mich in meiner Sexualität frei erlebe oder ob ich immer wieder etwas tun muss, damit mein Nervensystem sich sicher fühlt.
Damit verändert sich die Perspektive vollkommen. Statt zu fragen: „Was stimmt mit meiner Sexualität nicht?“ kann ich beginnen zu fragen:
Ist das wirklich meine Sexualität – oder ist das die Art, wie mein Nervensystem gelernt hat, Sexualität möglichst sicher zu überstehen?
Wie fühlt sich Sexualität ohne innere Not an?
Vielleicht liegt erfüllende Sexualität weniger in der Frage „War ich gut?“ als in der Frage: „War ich überhaupt da?“
War ich währenddessen in Kontakt mit meinem Körper und konnte wahrnehmen, was mir Lust bereitet und was nicht? Konnte ich meine Wünsche äußern, eine Berührung verändern oder eine Situation beenden, ohne Angst davor zu haben, mein Gegenüber damit zu enttäuschen? Konnte ich Nein sagen, langsamer werden oder deutlich machen, dass ich heute keinen Sex möchte? Und hatte mein Gegenüber dieselbe Freiheit?
Erfüllende Sexualität entsteht für mich nicht dadurch, dass zwei Menschen möglichst perfekt funktionieren. Sie entsteht dort, wo keiner etwas beweisen muss, keiner vor Nähe fliehen muss, keiner innerlich erstarrt und keiner die eigenen Grenzen aufgeben muss, um die Beziehung sicher zu halten.
Vielleicht beginnt sie deshalb lange vor der ersten Berührung – dort, wo zwei Menschen sich sicher genug fühlen, einander ihre Innenwelt zu zeigen.
Selbstreflexion
Wenn du an deine eigene Sexualität denkst, lohnt es sich vielleicht, weniger darüber nachzudenken, ob du „gut im Bett“ bist, und stattdessen zu beobachten, was innerlich während sexueller Nähe geschieht.
Entsteht Leistungsdruck und das Gefühl, etwas beweisen zu müssen? Bemerkst du den Impuls, Nähe zu vermeiden oder eine sexuelle Situation möglichst schnell hinter dich zu bringen? Wirst du still und verlierst den Kontakt zu deinem Körper und deinen Bedürfnissen? Oder passt du dich so stark an dein Gegenüber an, dass du erst hinterher bemerkst, dass du etwas eigentlich gar nicht wolltest?
Und dann gibt es noch eine weiterführende Frage:
Wie würde sich meine Sexualität anfühlen, wenn sie nicht mehr dazu dienen müsste, Sicherheit herzustellen?
Wenn mein Wert nicht davon abhinge, wie lange ich kann, wie viele Orgasmen ich auslöse oder wie begehrenswert mein Gegenüber mich findet. Wenn ich keine sexuelle Situation mehr über mich ergehen lassen müsste, nur um Streit oder Enttäuschung zu verhindern. Wenn ich Nähe nicht vermeiden müsste und mein Körper nicht erstarren müsste, um sich zu schützen.
Dann müsste Sexualität vielleicht weder Prüfung noch Pflicht, Flucht noch Anpassung sein.
Sie dürfte zu einer Begegnung werden, in der ich wahrnehmen und ehrlich mitteilen kann, was gerade wirklich in mir geschieht.
Und möglicherweise zeigt sich genau dort etwas von der Sexualität, die tatsächlich zu mir gehört.





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