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Teil 1: Sexuelle Lust - manchmal ein unbewusster Ruf nach Sicherheit?

Vielleicht ist. sexuelle Lust manchmal gar kein Wunsch nach Sex, sondern eine unbewusst Suche nach Sicherheit.



Was, wenn hinter dem starken Wunsch nach Sexualität bei manchen Menschen unbewusst ein chronischer Mangel an Sicherheit steckt?


Was, wenn sexuelle Lust nicht nur entsteht, weil wir Sex möchten, sondern weil unser Organismus dadurch versucht, einen inneren Stresszustand zu regulieren – einen Stresszustand, der entsteht, wenn das Bedürfnis nach echter Verbundenheit unerfüllt bleibt?


Diese Gedanken beruhen auf meinen persönlichen Beobachtungen aus über 13 Jahren der Arbeit mit Männern und stellen eine Hypothese dar. Sie sind keine wissenschaftlich gesicherten Tatsachen, sondern eine Einladung, menschliches Verhalten aus einer anderen Perspektive zu betrachten.




😱 Warum Nähe gleichzeitig Sicherheit und Angst auslösen kann


Wir Menschen kommen mit einem tiefen Bedürfnis nach Bindung zur Welt. Ein Säugling kann allein nicht überleben. Er ist darauf angewiesen, von seinen Bezugspersonen Schutz, Fürsorge und Zuwendung zu erhalten.


Erlebt ein Kind jedoch wiederholt, dass seine Bedürfnisse nach Nähe, Trost und Co-Regulation – also der beruhigenden Wirkung eines anderen Menschen auf unser inneres Erleben – nicht beantwortet werden oder dass von genau den Menschen, die eigentlich Schutz geben sollten, körperliche oder seelische Verletzungen ausgehen, kann es lernen, Bindung als unberechenbar oder sogar gefährlich zu erleben.


Diese Bewertung geschieht nicht bewusst. Sie ist Teil eines biologischen Schutzprogramms.


Das Dilemma: Die Sehnsucht nach echter Verbundenheit bleibt bestehen. Gleichzeitig kann genau diese Nähe später Angst auslösen.




👩🏼‍🍼 Warum wir Menschen Verbindung brauchen


Unser Organismus verfolgt seit Millionen von Jahren zwei grundlegende Ziele:


Überleben und Entwicklung.


Unsere Vorfahren hatten in Gemeinschaft deutlich bessere Überlebenschancen als allein. Gemeinsam konnten sie Gefahren früher erkennen, Nahrung beschaffen und sich gegenseitig schützen.


Doch Verbindung dient nicht nur unserem Überleben.


Sie ist auch die Grundlage unserer Entwicklung.


Ein Kind lernt Sprache, Mimik, Gestik, soziale Fähigkeiten und den Umgang mit Gefühlen durch Beobachtung, Nachahmung und Co-Regulation.


Ohne andere Menschen wäre diese Entwicklung kaum möglich.


Deshalb reagiert unser Organismus auf soziale Isolation häufig mit erhöhter Alarmbereitschaft, weil Zugehörigkeit während der Evolution eng mit Überleben und Entwicklung verbunden war.


Unser Nervensystem überprüft dabei fortlaufend – und größtenteils unbewusst –, ob wir uns in Sicherheit befinden, in Gefahr sind oder sogar Lebensgefahr besteht.


Stephen Porges, der Begründer der Polyvagaltheorie, bezeichnet diesen Vorgang als Neurozeption. Die Polyvagaltheorie beschreibt, wie unser autonomes Nervensystem ständig einschätzt, ob unsere Umgebung sicher genug ist, um offen, neugierig und in Verbindung zu sein – oder ob Schutzreaktionen notwendig werden.


Verlässliche Bindung und echte Verbundenheit gehören deshalb zu unseren wichtigsten Quellen von Sicherheit. Sie sind kein Luxus, sondern ein biologisches Grundbedürfnis – so wie Nahrung, Wasser oder Schlaf.


Wichtig ist dabei zu verstehen: Dieser Prozess läuft größtenteils unbewusst ab. Niemand wacht morgens auf und denkt: „Ich brauche heute mehr Sicherheit.“


Stattdessen verspüren wir den Wunsch nach Kontakt.


Wir schreiben einem Menschen, der uns wichtig ist. Wir telefonieren, treffen Freunde auf einen Kaffee, besuchen gemeinsam ein Konzert oder genießen einen schönen Abend mit Menschen, die uns guttun.


All das verbindet uns.


Und genau diese Verbindung vermittelt unserem Organismus häufig das Gefühl von Sicherheit.


Wie wir Nähe erleben, hängt jedoch entscheidend von den Erfahrungen ab, die wir in unserer Kindheit gemacht haben.


Während Nähe manche Menschen beruhigt, löst sie bei anderen unbewusst Alarm aus.


⚠️ Genau darin liegt der innere Konflikt eines unsicheren Bindungsstils.


Könnte Sexualität für manche Menschen genau diese Funktion erfüllen?


Je größer die innere Unsicherheit, desto häufiger wird möglicherweise nach Co-Regulation gesucht.


Eine Frage beschäftigt mich seit vielen Jahren:


Wenn es ausschließlich um den Orgasmus ginge – warum suchen so viele Menschen den Kontakt zu einem anderen Menschen, obwohl Masturbation jederzeit möglich wäre?


Vielleicht geht es dabei weniger um den Orgasmus als um das, was während dieser Begegnung erlebt wird.


• Körperkontakt

• Berührung

• Blickkontakt

• Stimme

• Geruch

• Angenommen werden

• Gesehen werden


Aus dieser Perspektive könnte Sexualität für manche Menschen weniger das eigentliche Ziel sein als vielmehr ein Weg zu einem Gefühl von Sicherheit, Zugehörigkeit und Co-Regulation – also der beruhigenden Wirkung, die ein anderer Mensch auf unser inneres Erleben haben kann.


Dann jagen sie möglicherweise gar nicht dem Sex hinterher, sondern dem Gefühl, das dabei entsteht.


Vielleicht richten wir unser Verhalten viel häufiger auf Gefühle aus, als uns bewusst ist. Manche entstehen in uns selbst, andere entstehen erst in der Begegnung mit einem anderen Menschen.




😳 Eine Beobachtung aus meiner Arbeit


Nach über 13 Jahren der Arbeit mit Männern ist mir immer wieder dieselbe Dynamik begegnet.


Je länger ich Männer begleitet habe, desto häufiger entstand bei mir der Eindruck, dass hinter dem Wunsch nach bezahlter Intimität oft etwas anderes steckt als bloße sexuelle Lust.


Viele suchten keine außergewöhnliche sexuelle Performance. Sie suchten einen Ort, an dem sie für einen Moment loslassen konnten.


Gerade die sogenannte Girlfriend Experience scheint deshalb für viele Männer eine besondere Bedeutung zu haben. Nicht, weil dort der Sex möglichst perfekt inszeniert wird, sondern weil sich die Begegnung möglichst echt anfühlen soll.


Für einen kurzen Moment entsteht das Gefühl, gesehen, angenommen und willkommen zu sein. Vielleicht ist genau dieses Erleben für manche Männer bedeutsamer als der Orgasmus selbst.


Aus meiner Sicht erleben manche Männer eine Begegnung gegen Bezahlung – ohne dass dies die eigentliche Aufgabe der Frau ist – als einen Moment, in dem sie Körperkontakt, Annahme, Resonanz und Co-Regulation erfahren.


Das könnte erklären, warum einige Männer immer wieder bezahlte Intimität in Anspruch nehmen. Nicht unbedingt, weil sie den Sex vermissen, sondern weil sie sich nach dem Gefühl sehnen, das während dieser Begegnung entsteht.



👀 Eine andere Sichtweise


Vielleicht steckt hinter einer sogenannten Sexsucht nicht ausschließlich ein starkes sexuelles Verlangen.


Vielleicht sucht der Organismus bei manchen Menschen immer wieder nach etwas, das seit der Kindheit eine besondere Bedeutung hat:


Nähe.


Geborgenheit.


Annahme.


Zugehörigkeit.


Aus dieser Perspektive könnte bezahlte Intimität für manche Menschen eine Möglichkeit sein, für kurze Zeit körperliche Nähe zu erleben und gleichzeitig genügend Abstand und Kontrolle zu behalten, damit die Verletzlichkeit einer tiefen Beziehung nicht zu groß wird.


Dann ginge es möglicherweise weniger um den Sex selbst als um das, was dabei innerlich erlebt wird.




📃 Im nächsten Artikel …


Im nächsten Artikel lernst du Klaus kennen.


Seit zwölf Jahren ist Klaus mit Susi verheiratet. Sie haben zwei Kinder, meistern ihren Alltag gemeinsam und wirken auf andere wie ein glückliches Paar.


Doch hinter der Fassade gibt es ein Problem, über das beide kaum sprechen: Ihr gemeinsames Sexleben ist seit Jahren eingeschlafen.


Warum beginnt Klaus irgendwann, bezahlte Intimität in Anspruch zu nehmen, obwohl er seine Frau noch immer liebt?


Und was sucht er dort wirklich?


Genau das erfährst du im nächsten Artikel.







 
 
 

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