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Teil 2: 👫🏻 Klaus und Susi – Warum er sie liebte und trotzdem eine Sexarbeiterin aufsuchte

Wenn Nähe verschwindet und Sexualität verstummt


Klaus ist 44 Jahre alt. Seit zwölf Jahren ist er mit Susi verheiratet. Gemeinsam haben sie zwei Kinder. Nach außen wirken sie wie ein glückliches Paar. Sie streiten selten, meistern ihren Alltag gemeinsam und verbringen ihre Wochenenden oft mit Ausflügen. Freunde würden wahrscheinlich sagen: „Die beiden haben ihr Leben im Griff.“


Und trotzdem gibt es ein Thema, über das sie seit Jahren kaum noch sprechen: ihre Sexualität.


Früher war das anders. Am Anfang ihrer Beziehung konnten sie kaum die Finger voneinander lassen. Sie küssten sich, kuschelten auf dem Sofa, schliefen eng umschlungen ein und liebten sich regelmäßig.


Doch mit den Jahren veränderte sich etwas.


Die Kinder kamen. Der Alltag wurde voller. Die Nächte kürzer. Abends war Susi oft erschöpft. Körperliche Nähe wurde seltener. Aus einer Umarmung wurde ein flüchtiger Kuss. Aus langen Gesprächen wurden organisatorische Absprachen über Einkäufe, Termine oder die Kinder.


Wenn Klaus vorsichtig ihre Hand nahm oder versuchte, sie zu küssen, hörte er immer häufiger: „Nicht jetzt.“ Oder: „Ich bin einfach müde.“ Manchmal sagte sie sogar scherzhaft: „Ach komm, hör mir auf mit dem Schweinskram.“ Vermutlich meinte Susi das gar nicht verletzend. Sie fühlte sich einfach ausgelaugt. Doch bei Klaus kamen diese Worte ganz anders an.


Mit jedem Nein begann er mehr an sich selbst zu zweifeln. Vielleicht findet sie mich nicht mehr attraktiv. Vielleicht habe ich zugenommen. Vielleicht bin ich schlecht im Bett. Vielleicht liebt sie mich gar nicht mehr.


Über diese Gedanken sprach er mit niemandem. Weder mit seinen Freunden noch mit Susi. Eigentlich nicht einmal mit sich selbst. Er versuchte sie einfach wegzuschieben und so zu tun, als wäre alles in Ordnung. Nach außen funktionierte sein Leben wie immer. Nach innen wurde er jedoch zunehmend unruhiger.


Abends schaute er häufiger Pornos. Anfangs nur gelegentlich, später immer öfter. Das verschaffte ihm für einen kurzen Moment Erleichterung, doch schon kurze Zeit später kehrte dieselbe innere Unruhe zurück. Irgendwann vereinbarte er zum ersten Mal einen Termin bei einer Sexarbeiterin.


Schon auf dem Weg dorthin schossen ihm unzählige Gedanken durch den Kopf. Was mache ich hier eigentlich? Ich liebe Susi doch. Hoffentlich sieht mich niemand. Was würden meine Freunde denken, wenn sie das wüssten? Was stimmt bloß nicht mit mir?


Nach der Begegnung blieb er noch eine Weile im Auto sitzen. Er hatte zwar einen Orgasmus erlebt, doch das war nicht das, was ihn am meisten beschäftigte. Viel stärker war das Gefühl, das danach in ihm entstand. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte er sich ruhig. Leichter. Er erinnerte sich daran, wie selbstverständlich die Berührung gewesen war, wie freundlich sie ihn angesehen und angelächelt hatte und wie sehr ihm genau das gefehlt hatte. Für einen kurzen Moment hatte er sich weder falsch noch unerwünscht gefühlt.


Und genau das verwirrte ihn.


Denn gleichzeitig schämte er sich. Er fragte sich, warum ihm seine Ehe nicht genügte. Warum suchte er etwas außerhalb seiner Beziehung, obwohl er seine Frau noch immer liebte?


Ein paar Wochen später passierte es wieder. Und danach wieder. Jedes Mal nahm er sich fest vor, nie wieder hinzugehen. Und doch vereinbarte er irgendwann wieder einen Termin. Nicht, weil er seine Frau verlassen wollte oder weil er sie nicht mehr liebte. Im Gegenteil. Er liebte Susi noch immer. Gerade deshalb verstand er sich selbst nicht. Er wusste einfach nicht, wonach er eigentlich suchte.


War es wirklich Sex?


Oder fehlte ihm etwas ganz anderes?




👀 Wonach suchte Klaus wirklich?


Auf den ersten Blick scheint die Antwort einfach zu sein. Klaus hatte zu wenig Sex in seiner Ehe und suchte ihn deshalb außerhalb der Beziehung. Doch je länger ich über solche Geschichten nachgedacht und je mehr Männer ich begleitet habe, desto häufiger stellte ich mir eine andere Frage.


Wenn es Klaus ausschließlich um den Orgasmus gegangen wäre, hätte Masturbation denselben Zweck erfüllen können. Sie wäre unkomplizierter gewesen, günstiger und hätte deutlich weniger Schuldgefühle ausgelöst. Trotzdem entschied er sich immer wieder für die Begegnung mit einem anderen Menschen. Vielleicht, weil er dort etwas erlebte, das weit über Sexualität hinausging. Er wurde freundlich begrüßt, man hörte ihm zu, sah ihn an, berührte ihn und begegnete ihm ohne Vorwürfe oder Erwartungen. Für einen kurzen Moment fühlte er sich angenommen, gesehen und willkommen.


Viele Jungen lernen schon früh, ihre Gefühle zurückzuhalten. Sätze wie „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“, „Reiß dich zusammen“ oder „Ein Mann weint nicht“ vermitteln ihnen, dass Verletzlichkeit unerwünscht ist. Körperliche Nähe bleibt dadurch für manche Männer einer der wenigen gesellschaftlich akzeptierten Wege, überhaupt Nähe und Angenommensein zu erleben.


Gleichzeitig bot diese Form der Begegnung einen klaren Rahmen. Sie war zeitlich begrenzt, vorhersehbar und kontrollierbar. Klaus musste keine Konflikte austragen, keine Angst vor einem erneuten Nein haben und sich nicht erklären. Vielleicht machte genau diese Kombination die Situation für ihn so attraktiv: genug körperliche Nähe, um sich für einen Moment angenommen zu fühlen, und gleichzeitig genügend Abstand, damit die Verletzlichkeit einer tiefen Beziehung gar nicht erst zu groß wurde.


Ob das tatsächlich der Grund für Klaus’ Verhalten war, können wir nicht mit Sicherheit sagen. Nach vielen Jahren der Begleitung von Männern stelle ich mir jedoch immer wieder dieselbe Frage:


Was, wenn wir manches Verhalten vorschnell als sexuelle Lust oder Sexsucht bewerten, obwohl dahinter bei einigen Menschen eigentlich die Sehnsucht nach Nähe, Annahme und emotionaler Sicherheit steckt?


Mich interessiert deine Sichtweise.


Was glaubst du, hätte Klaus und Susi helfen können, damit ihre Nähe und ihre Sexualität nicht verloren gehen? Schreib deine Gedanken gerne in die Kommentare.

 
 
 

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