Wenn aus „Stell dich nicht so an“ ein „Ich sehe dich“ wird

Weiter oben habe ich einen Beitrag über die Kaluli aus Papua-Neuguinea geteilt. Darin wurde von einem Ritual namens „Night Clearing“ berichtet. Kinder würden sich jeden Abend vor dem Schlafengehen versammeln und darüber sprechen, was sie während des Tages beschäftigt hat – über Ängste, Traurigkeit, Scham, Schmerz, Gedanken und Erlebnisse. Die Erwachsenen würden dabei einfach zuhören, ohne zu bewerten, zu beschwichtigen oder sofort etwas lösen zu wollen.
Diese Geschichte hat mich besonders fasziniert, weil sie sehr viel mit meiner eigenen Arbeit zu tun hat. Ich nenne es das Ehrliche Mitteilen: Wir lernen, unsere Gefühle, Gedanken und Körperwahrnehmungen aus der Ich-Perspektive mitzuteilen, ohne unser Gegenüber anzugreifen und ohne Schuldzuweisungen. Wir erzählen dem anderen nicht, was mit ihm angeblich nicht stimmt, sondern zeigen ihm, was gerade in uns geschieht.
Gerade deshalb wollte ich genauer wissen, ob diese Geschichte über die Kaluli tatsächlich stimmt. Also habe ich weiter recherchiert.
Für ein allabendliches Ritual namens „Night Clearing“ konnte ich in der anthropologischen Literatur keinen belastbaren Beleg finden. Ich möchte euch diese Geschichte deshalb auch nicht als wissenschaftlich gesicherte Tatsache verkaufen. Was bei den Kaluli jedoch tatsächlich intensiv erforscht wurde, ist ihre sprachliche Sozialisation. Unter anderem untersuchte die Anthropologin und Sprachwissenschaftlerin Bambi B. Schieffelin über Jahre hinweg, wie Kaluli-Kinder Sprache lernen und wie darüber soziale Beziehungen und kulturelle Vorstellungen vermittelt werden.
In Schieffelins Untersuchungen zeigt sich unter anderem, dass über eigene innere Zustände gesprochen wird, während gleichzeitig eine kulturelle Zurückhaltung besteht, anderen Menschen nicht beobachtbare innere Zustände zuzuschreiben.

Und genau hier sehe ich eine spannende Parallele zum Ehrlichen Mitteilen.
Beobachte einmal, wie wir miteinander sprechen, sobald wir verletzt, wütend oder ängstlich sind. Wir sagen: „Du machst mich wütend.“ – „Wegen dir habe ich Angst.“ – „Du hast mich verletzt.“ – „Du unterdrückst mich.“
In diesem Moment erzähle ich meinem Gegenüber nicht mehr nur von meiner Innenwelt. Ich mache meine Interpretation zu einer Tatsache und häufig den anderen gleichzeitig zum Verursacher meines inneren Zustandes.
Und was passiert daraufhin fast automatisch? Der andere verteidigt sich:
❗ „Das stimmt überhaupt nicht!“
❗ „So habe ich das nicht gemeint!“
❗ „Ich unterdrücke dich doch gar nicht!“
❗ „Das bildest du dir ein!“
❗ „So habe ich das nie gesagt!“
Und schon entsteht Kampf.
Einer versucht dem anderen zu beweisen, dass seine Wahrnehmung richtig ist. Der andere versucht das Gegenteil zu beweisen. Ein Satz folgt auf den nächsten, irgendwann werden die Worte verletzender, die Stimmen lauter oder einer macht komplett zu und verlässt den Raum. Ein wirklich klärendes Gespräch findet nicht mehr statt.
Genau hier setzt das Ehrliche Mitteilen an. Dabei unterscheide ich zwischen Gefühlen, Körperwahrnehmungen und Gedanken und verwende drei einfache Satzanfänge:
Ich fühle …
Ich spüre …
In meinem Kopf ist der Gedanke …
Wenn ich beispielsweise Wut wahrnehme, sage ich nicht:
❌ „Du machst mich wütend.“
❌ „Ich bin wütend.“
Sondern:
✅ „Ich fühle gerade Wut.“
Bei Angst sage ich nicht:
❌ „Du machst mir Angst.“
Sondern:
✅ „Ich spüre gerade Angst.“
Bei Traurigkeit und dem Gedanken, verletzt worden zu sein, sage ich nicht:
❌ „Deine Worte verletzen mich und machen mich traurig.“
Sondern:
✅ „Ich fühle gerade Traurigkeit. In meinem Kopf ist der Gedanke, dass deine Worte mich verletzt haben.“
Und bei Hilflosigkeit sage ich nicht:
❌ „Du unterdrückst mich und machst mich hilflos.“
Sondern:
✅ „Ich fühle gerade Hilflosigkeit. In meinem Kopf ist der Gedanke, dass du mich unterdrückst.“
Das klingt zunächst vielleicht nach einem kleinen sprachlichen Unterschied. Auf unser Gegenüber kann er jedoch eine gewaltige Wirkung haben. Denn ich sage nicht mehr: „So bist du. Das machst du mit mir.“ Ich sage vielmehr: „So nehme ich die Situation gerade wahr.“
Damit erkenne ich an, dass ich die Realität durch meine eigene Brille wahrnehme. Meine Erfahrungen, Ängste, Erinnerungen und Erwartungen beeinflussen, wie ich eine Situation interpretiere. Meine Wahrnehmung muss deshalb nicht identisch mit der Wahrnehmung meines Gegenübers sein.
Ich behaupte nicht mehr, dass meine Interpretation die objektive Wahrheit über diesen Menschen ist. Ich zeige ihm meine Innenwelt.
Und dadurch bekommt auch mein Gegenüber Raum für seine Innenwelt.
Er könnte beispielsweise antworten:
„Ich höre dich. Ich höre, dass in dir gerade der Gedanke auftaucht, dass ich dich unterdrücke. Ich nehme ernst, dass du das gerade so wahrnimmst. Meine Wahrnehmung ist eine andere.“
Und dann kann auch er sich ehrlich mitteilen:
„In meinem Kopf ist der Gedanke, dass ich dich beschützen möchte. Gleichzeitig spüre ich Angst. Und in meinem Kopf ist der Gedanke, dass du vielleicht eine Entscheidung treffen könntest, die dir schadet.“
Merkst du, was jetzt passiert?
Keiner muss die Wahrnehmung des anderen für falsch erklären. Zwei Menschen dürfen dieselbe Situation vollkommen unterschiedlich erleben.
Plötzlich müssen wir nicht mehr darum kämpfen, wer recht hat. Da sind zwei Menschen mit zwei unterschiedlichen Innenwelten. Beide dürfen ausgesprochen werden. Beide dürfen gehört werden. Beide dürfen gesehen werden.
Und genau darin liegt für mich eine enorme Kraft. Worte gestalten unsere Wahrnehmung von Realität. In dem Moment, in dem ich aufhöre, mein Gegenüber anzuklagen, muss es sich nicht mehr gegen meine Anklage verteidigen. Aus Kampf kann Kontakt entstehen. Und aus Kontakt kann wieder Verbindung entstehen.
Das bedeutet nicht, dass Ehrliches Mitteilen jede Beziehung rettet. Es bedeutet auch nicht, dass zwei Menschen, die sich getrennt haben, anschließend wieder zusammenkommen. Manchmal bleibt eine Trennung eine Trennung und manchmal führen zwei Lebenswege tatsächlich in unterschiedliche Richtungen.
Aber selbst dann kann etwas geschehen, das ich als unglaublich heilsam empfinde: Wir können einander wieder sehen. Der Krieg miteinander kann aufhören – und manchmal endet damit auch ein Stück des Krieges, den wir in unserem Inneren weitergeführt haben.
Ich habe genau das in meinem eigenen Leben erfahren.
Nach einer Trennung hat mir ein Mensch, den ich sehr geliebt habe, immer wieder seinen Schmerz gezeigt. Er versuchte mir mitzuteilen, wie sehr ihn diese Trennung getroffen hatte. Und ich wollte seinen Schmerz wegmachen. Ich wollte ihm erklären, dass er gar nicht so leiden müsse.
Also habe ich ihn beschwichtigt:
„Aber so ist es doch gar nicht.“
„Ich liebe dich doch.“
„Das stimmt doch nicht.“
„Stell dich doch nicht so an.“
Vielleicht steckt hinter solchen Sätzen sogar eine gute Absicht. Wir möchten dem anderen vermitteln: Du musst nicht leiden. Deine Angst ist unbegründet. Ich möchte dir deinen Schmerz nehmen.
Doch bei ihm kann etwas vollkommen anderes ankommen:
Du siehst meinen Schmerz nicht.
Irgendwann habe ich aufgehört, ihm zu erklären, warum er das alles nicht so empfinden müsse. Ich habe aufgehört, seine Wahrnehmung korrigieren zu wollen. Stattdessen habe ich einfach gesagt:
„Okay. Ich sehe deinen Schmerz. Es tut mir leid. Ich sehe dich.“
Und plötzlich wurde es ruhig.
Dieser Moment hat mir sehr viel gezeigt. Denn manchmal möchte ein Mensch gar nicht, dass wir sein Problem lösen. Vielleicht möchte er zunächst einfach erleben, dass sein Schmerz existieren darf und jemand da ist, der ihn wahrnimmt.
Gerade der Satz „Stell dich doch nicht so an“ ist für mich deshalb einer der schmerzhaftesten Sätze, die wir einem Menschen sagen können. Denn dahinter kann ankommen: Deine Wahrnehmung ist falsch. Dein Schmerz ist übertrieben. Deine Gefühle sind nicht angemessen. Du solltest anders sein, als du gerade bist.
Und irgendwann lernt ein Mensch vielleicht: Dann sage ich eben nichts mehr. Dann zeige ich mich nicht mehr. Dann behalte ich meine Angst für mich. Dann unterdrücke ich meine Wut, meine Traurigkeit, meine Scham und meine Sehnsucht.
Irgendwann sitzen dann zwei Menschen nebeneinander, die sich vielleicht einmal unglaublich nah waren, und fühlen sich trotzdem vollkommen voneinander getrennt.
Deshalb ist Kommunikation für mich ein grundlegender Bestandteil von Beziehung und letztlich auch von Sexualität. Denn alles hängt miteinander zusammen. Wie soll ich mich einem Menschen körperlich vollkommen öffnen, wenn ich mich emotional vor ihm verstecken muss? Wie soll wirkliche Intimität entstehen, wenn ich Angst davor habe, meine Innenwelt zu zeigen? Und wie soll Sexualität Verbindung schaffen, wenn wir außerhalb des Bettes längst aufgehört haben, einander wirklich zu begegnen?
Ehrliches Mitteilen bedeutet für mich deshalb viel mehr als einfach nur miteinander zu reden. Es bedeutet: Ich zeige dir meine Innenwelt, ohne dich dafür verantwortlich zu machen. Und ich bin bereit, deine Innenwelt zu hören, ohne sie sofort korrigieren zu müssen.
Vielleicht braucht mein Gegenüber in diesem Moment keine Analyse, keine Lösung und keine Erklärung. Vielleicht braucht er zunächst nur einen Menschen, der sagt: „Ich höre dich. Ich sehe deinen Schmerz. Ich nehme dich ernst. Meine Wahrnehmung darf eine andere sein – und trotzdem darf deine Wahrnehmung hier sein.“
Denn eines unserer tiefsten menschlichen Bedürfnisse ist es, gesehen zu werden.
Wenn wir uns nicht gesehen fühlen, erleben wir Trennung. Wir ziehen uns zurück, schützen uns, verschließen uns und hören irgendwann vielleicht ganz auf, uns wirklich zu zeigen. Wenn wir uns dagegen gesehen fühlen, kann wieder Verbindung entstehen. Das Herz kann sich wieder ein Stück öffnen.
Nicht weil plötzlich jedes Problem gelöst ist, sondern weil da ein anderer Mensch ist, der unsere Innenwelt nicht bekämpft, sie nicht kleinredet und sie nicht verändern will.
Wenn du lernen möchtest, wie du dich ehrlich mitteilst und wie du dadurch wieder mehr Verbindung in deine Partnerschaft bringen kannst – oder überhaupt erst lernst, dich auf wirkliche Nähe einzulassen –, dann folge MannSein 2.0. Denn die Art, wie wir miteinander sprechen, beeinflusst unsere Beziehung. Unsere Beziehung beeinflusst unsere Fähigkeit zu Nähe und Intimität. Und all das wirkt sich letztlich auch auf unsere Sexualität aus.
Vielleicht ist es am Ende genau diese Erfahrung, nach der sich so viele Menschen sehnen:
Endlich werde ich gesehen. ❤️





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